

Ein wahrhaft glückliches Land! Hier leben nur erfolgreiche Menschen. Die tolle Projekte ins Leben rufen, innovativ sind, die Welt ständig weiterdenken, wertvolle Tipps und Ratschläge selbstlos an eine dankbare Community verbreiten. Die kooperativ statt egoistisch denken und vor allem das Wohl ihrer Mitmenschen im Auge haben. In diesem Land gibt es nur Unternehmen, die fair, LGBTQ-freundlich sind und ihre Mitarbeitenden mit Respekt und Wertschätzung behandeln, gut bezahlte Jobs bieten, gern mit Teilzeit und am besten nur 4 Tage die Woche. Bei vollem Lohnausgleich, na klar.
In LinkedInnien hat übrigens jeder gerade sein erfolgreichstes Quartal hinter sich. Niederlagen existieren nicht. Oder werden, wenn doch, sofort in bewegende Lernreisen umgedeutet, aus denen man gestärkt, gereift und mit einem neuen Buchprojekt hervorgegangen ist. Scheitern ist kein Makel, sondern Content. Die Bewohner sind außerdem auffällig oft „dankbar“. Für ihre Teams, ihre Mentoren, die nächste „Challenge“, an der man natürlich wächst oder für das Leben selbst. Und sie teilen diese Dankbarkeit mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit, am liebsten montags um 9 Uhr, wenn die Dankbarkeit besonders algorithmisch wirksam ist.
Demografisch ist LinkedInnien überraschend homogen: Menschen Mitte 30 bis Mitte 50, überwiegend mit Businesscasual im Profilbild und einem Lebenslauf, der wie ein Aufwärtspfeil aussieht. Nie seitwärts, nie nach unten, immer: nächste Stufe, neue Herausforderung, größere Verantwortung, noch erfolgreicher. Alles ist irgendwie „Mega“. Das digitale Schlaraffenland der Erfolgreichen, die stets über sich hinauswachsen.
Doch da gibt es das Nachbarland Metanien mit seinen beiden ungleichen Bundesländern Facebookien und Instagrammien.
Facebookien hat ein Überalterungsproblem. Es ist die digitale Heimat vieler älterer weißer Männer, und der Ton hier ist rauer, manchmal hasserfüllt, gelegentlich offen feindselig. Manche Bewohner haben zudem die Neigung, ihre Mitmenschen mit Falschnachrichten zu verwirren, weshalb sich hier auffällig viele Demokratieskeptiker und Hassprediger tummeln. Die Durchschnittsbewohner teilen Dinge, die sie nicht gelesen haben, kommentieren Dinge, die sie missverstanden haben, und sind empört über Dinge, die so nie gesagt wurden. Sie hassen alles Queere, Windräder und E-Autos. Und lieben Muckibuden, Wurst und viele Zylinder unter der Haube. In Facebookien werden Geburtstagsglückwünsche an Menschen verschickt, mit denen man seit Jahren nicht mehr gesprochen hat, Einladungen zu Gruppen, die niemand braucht, und Veranstaltungshinweise für Orte, die 600 Kilometer entfernt liegen. Das soziale Klima ist rau, aber irgendwie vertraut. Wie ein Stammtisch, zu dem man nicht mehr gehen mag.
Viele jüngere Bewohner haben daher zwar noch einen Wohnsitz in Facebookien, halten sich aber viel lieber im unbeschwerteren Instagrammien auf.

Hier scheint fast nur die Sonne. Die Menschen sind fast alle cool und jung und sehen fantastisch aus. Sie halten sich überwiegend in hippen Locations auf, süffeln gesponserte Cocktails und haben ebenso schöne, junge „friends“. In Instagrammien braucht niemand Geld zu verdienen, niemand muss arbeiten. Daher sind alle stets in der neueste Mode gekleidet, haben zellulitefreie Körper und sind stets in den angesagten Trendfarben gestylt. In Instagrammien gibt es weder Armut, Hunger, Unterdrückung oder Krieg (will man das sehen?). Kennt ihr Raffaelo? Richtig, Instagrammien ist das digitale Raffaelo. Vollkommen ohne Schokolade, pardon: Realität.
Was viele Besucher nicht ahnen: Hinter den Kulissen ist der Betrieb erheblich aufwendiger, als es scheint. Das perfekte Frühstücksfoto erfordert 45 Minuten Vorbereitung, drei verschiedene Lichtsetzungen und das stille Einverständnis aller Anwesenden, erst zu essen, wenn das Shooting abgeschlossen ist. Und dabei die Buddha-Bowl kalt geworden ist. Das ist der Preis der Schönheit. Instagrammien ist außerdem das einzige Land, in dem Kooperationen mit Matratzenherstellern, Vitaminpräparaten oder Zahnarztpraxen als vollwertige Karrierewege anerkannt sind und in dem die Landeswährung „Engagement-Rate“ heißt.
Dann gibt es noch das geheimnisvolle Königreich Xanien, früher bekannt als Twitterien. Doch seitdem ein exzentrischer Multi-Milliardär den Thron bestieg, hat sich viel verändert. Das Wappen wurde kurzerhand umgestaltet, und die alteingesessenen Bürger trauern noch immer dem kleinen blauen Vögelchen nach.
Xanien ist das lauteste Land im digitalen Universum. Hier wird in Echtzeit gestritten, geistreiche Pointen werden mit Empörungswellen beantwortet, und niemand kann eine Meinung äußern, ohne dass binnen Sekunden 47 Gegenkommentare erscheinen. Die Bewohner teilen sich grob in drei Gruppen: Medienschaffende, die eigentlich in Redaktionen sitzen sollten; Politiker, die glauben, hier wähle man sie; und sehr aufgeregte Menschen ohne klar erkennbaren Beruf, aber mit erschreckend vielen Followern. Die demografische Klammer: überdurchschnittlich gebildet, überdurchschnittlich meinungsstark, unterdurchschnittlich entspannt.
Seit der Machtübernahme haben viele altgediente Bürger das Land verlassen oder es zumindest versucht. Manche sind nach Mastodonien ausgewandert, einem kleinen, basisdemokratisch verwalteten Gemeinwesen, in dem jeder selbst entscheidet, welchem Dorfrat er angehören möchte. Leider ist Mastodonien für Menschen mit weniger als drei Informatik-Semestern kaum zu erschließen, weshalb die Bevölkerung überschaubar bleibt.
Und schließlich: das Reich Tiktokkien. Tiktokkien ist jung. Sehr jung. So jung, dass Besucher aus älteren Ländern beim ersten Aufenthalt nicht verstehen, was gerade passiert, aber trotzdem nicht aufhören können zu scrollen. Das Territorium funktioniert nach eigenen Gesetzen: Kein Mensch weiß, warum manche Inhalte Millionen sehen und andere niemand. Der Allmächtige Algorithmus herrscht hier wie ein unsichtbarer Gott, dessen Willen man nicht kennt, dem man sich aber vollständig unterwirft.
Die Bewohner tanzen viel oder bewegen ihren Mund nach bekannten Melodien. Sie erklären in 60 Sekunden Dinge, für die Universitäten früher vier Semester veranschlagt haben. Ob das ein Fortschritt ist, sei dahingestellt. Sie enthüllen Lebensgeheimnisse, kochen Rezepte in Zeitraffer, empfehlen Bücher, die sie nie gelesen haben, erklären binomische Formeln und lösen gelegentlich politische Debatten aus, ohne es zu merken. Wer über 30 ist und Tiktokkien betritt, fühlt sich wie ein Tourist ohne Sprachkenntnisse: fasziniert, leicht überfordert und insgeheim neidisch auf die Energie.
Tiktokkien ist außerdem das einzige Land, bei dem manche Skrupel haben mitzumachen, weil es eigentlich einem bösen weit entfernten Imperium gehört. Was die Bewohner aber herzlich wenig kümmert, solange die nächste Challenge wartet.
So also liegt also die digitale Landkarte des Planeten Socialia vor uns. Fünf Länder, fünf Wahrheiten oder zumindest fünf gespielte Versionen davon. Wer klug ist, hält einen Pass für jedes Land, zeigt ihn aber nur selektiv vor. Und wer wirklich weise ist, weiß: Das echte Leben findet offline statt. Vermutlich. Wahrscheinlich. Irgendwo.
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